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Vampyr: Review
07.07.2018 - 15:17








Titel: Vampyr
Plattform: PC, One, PS4
Entwickler: Dontnod
Publisher Focus Home Interactive
Genre: Rollenspiel
USK/PEGI Ab 16
Spieler: Offline: - / Online: -
Release: 05.05.2018
Offizielle Seite

So gut kann ein Vampirdrama sein

Beweisen muss uns der französische Entwickler Dontnod schon länger nichts mehr. Bereits mit Remember Me zeigte das Studio, dass es sich traut, innovative Elemente in ein bewährtes Action-Gameplay zu integrieren. Spätestens mit Life is Strange konnten die Entwickler auch mit einer großen Geschichte überzeugen. Mit Vampyr möchte Dontnod nun aber wieder beides vereinen. Sowohl Action als auch eine intensive Story soll miteinander einhergehen. Dabei gelingt dem Studio etwas sehr ungewöhnliches, nämlich viele kleinere und teils größere Mängel, die das Vampir-Abenteuer erstaunlicherweise nicht zwingend schlechter machen.

London im Jahre 1918 während des ersten Weltkriegs ist für sich allein schon ein ungemütliches Pflaster. Besonders wenn dazu noch die berüchtigte spanische Grippe kursiert. Ihr spielt Dr. Jonathan Reid, der verzweifelnd erwacht und feststellen muss, dass er zu einem Vampir gemacht wurde. Doch nicht genug der ganzen Probleme, kommt ihm direkt nach der Verwandlung eine weibliche Gestalt entgegen. Völlig unwissend über die Geschehnisse und durstig nach Blut saugt Jonathan in seinem Blutrausch eine Frau aus. Nachdem er den Lebenssaft getrunken hat, beginnt er endlich wieder klar zu denken und bemerkt erst jetzt was eigentlich passiert ist. Besagte Frau die soeben von ihm getötet wurde ist nämlich seine eigene Schwester.

Und als wären die Ereignisse nicht schon düster genug, wird Jonathan zu Beginn des Spiels durch die halbe Stadt gejagt. Immerhin scheinen die Menschen aber Kenntnis über Vampire zu haben, einige sind den Blutsaugern sogar freundlich gesonnen. So auch Edgar Swansea, der den Vampirdoktor trotz, oder gerade wegen seines Zustandes ins örtliche Krankenhaus befördert und ihn noch dazu Anheuert dort zu arbeiten. Denn Jonathan Reid ist kein gewöhnlicher Arzt, sondern der beste Blutspezialist den es gibt, welch ein Zufall.



Theatralik und Furcht sind mächtige Werkzeuge

Vampyr hält sich mit der Exposition der Story nicht lange auf, sämtliche Ereignisse vom ersten Moment an erklären sich über den ganzen Verlauf des Spiels. Demnach wird die Exposition zur Story und die Story zur Exposition. Jonathan stellt sich die selben Fragen wie der Spieler und somit ist man sofort involviert. Warum wurde Jonathan zu einem Vampir? Wer hat ihm das angetan? Und welche Folgen wird das noch haben?

Die Geschichte von Vampyr ist gleich die größte Stärke. Zwar strotzen manche Charaktere nur so vor Klischees, doch werden viele Vorurteile des öfteren ihren Erwartungen nicht gerecht oder Klischees werden später rigoros gebrochen. Wie ein Baum mit vielen Ästen entwickelt sich alles. Jede Person mit der ihr sprecht ist von Bedeutung, selbst wenn es zuerst nicht den Anschein hat. Ihr könnt auch nie wirklich abwägen ob Jonathan richtig oder falsch handelt. Die meisten Dialoge und Entscheidungen bewegen sich immer im grauen Bereich. Oft müsst ihr nur Not gegen Elend entscheiden, dazu später mehr. Auffällig ist besonders die Theatralik im Spiel. Mit großen Dramen geizt Vampyr wahrlich nicht und jedem wird das sicherlich nicht gefallen. Jedoch passt es in diese schmerzvolle Welt sehr gut. Zudem fallen einige Entscheidungen relativ nüchtern aus, was einen schönen Kontrast erzeugt.

Kämpfe müssen leider sein

Jonathan kann allerdings nicht nur Unterhaltungen führen, sondern auch richtig austeilen. Die Kämpfe in Vampyr erinnern stark an die Souls-Reihe, vorzugsweise am ehesten an Bloodborne. Geführt wird meist eine Schlag- oder Stichwaffe bzw. noch eine Zweitwaffe wie eine Kanone oder ein großes Skalpell. Genretypisch für solche Spiele müsst ihr auch gekonnt ausweichen, Feinde anvisieren und immer auf eure Ausdauer achten. Darüber hinaus besitzt Jonathan natürlich auch einen Lebensbalken und eine sogenannte Blutleiste. Während des Kampfes könnt ihr nämlich mittels starken Angriff eure Feinde soweit schwächen, dass ihr sie Aussaugen könnt. Dieses Blut wiederum kann für Fähigkeiten eingesetzt werden.

Die Fähigkeiten unterteilen sich in aktiv und passiv. Noch dazu haben einige Skills zwei verschieden erlernbare Ausführungen. So kann die Fähigkeit Autophagie dazu genutzt werden um sich mit Blut zu heilen. Hierbei stehen zwei Entwicklungen zur Verfügung. Entweder sofortige Heilung, dafür aber nicht komplett, oder doch lieber eine langsame Regeneration, welche das Leben vollkommen auffüllt. Insgesamt bietet der Skilltree elf unterschiedliche Fähigkeiten wovon ihr immer zwei gleichzeitig ausrüsten könnt. Eine dritte Fähigkeit kommt später noch hinzu, ein sogenannter ultimativer Angriff, von denen es nochmals drei Varianten gibt. Besonders dieser Angriff kann entscheidend im Kampf sein und euch den Hintern aus brenzligen Situationen retten. Übrigens, verskillen könnt ihr euch so gut wie gar nicht. Sämtliche Fähigkeiten haben einen effektiven nutzen und unterstützten nahezu jeden Spielstil. Falls euch die Entwicklung von Jonathan aber trotzdem mal nicht passen sollte, könnt ihr euren Skilltree jederzeit zurücksetzen. Ohnehin liegt das Aufleveln vollkommen beim Spieler. Je nach dem wie viel Blut Jonathan sammelt, wird er schneller oder langsamer Aufleveln. Es hängt also meist nicht von einer klassischen Levelgrenze ab.

So nett das Kampfsystem in Vampyr aber auch umgesetzt ist, es stellt sich als die größte Schwäche heraus. Klar, sämtliche Mechanismen funktionieren wunderbar miteinander, jedoch scheitert es an den Feinheiten die solch ein Spiel braucht. Beispielsweise fällt es oft schwer Gegner richtig zu lesen. Viele Kämpfe lassen sich fast immer mit geschickten Ausweichmanövern gewinnen. Gegen schwächere Widersacher reicht auch einfaches draufhauen, irgendwas wird schon treffen. Lediglich Bosse können unter Umständen herausfordernd werden. Wobei es gegen hartnäckige Gegner oft reicht wenn man geduldig bleibt und durchhält, spezielle Taktiken wie in Dark Souls oder Bloodborne sind eigentlich nie gefragt. Die Kämpfe spielen sich deshalb nicht unbedingt schlecht, bleiben aber trotzdem zu belanglos. Sie dienen letztlich nur als Rechtfertigung um Aufleveln zu müssen, die Gefechte sind leider zu rudimentär und simpel als das sie für sich alleine Spaß machen könnten.



Im Zwiespalt des Blutes

Soweit ist nun alles wohl bekannt von anderen Genrevertretern und man könnte denken: „Gut, ziehe ich mir einfach einen mächtigen Vampir hoch.“ Aber jetzt kommt der große Haken des Spiels. Jonathan benötigt nämlich Blutpunkte um stärker zu werden. Diese bekommt ihr in erster Linie von Gegnern wenn sie besiegt wurden, allerdings immer nur kleine Mengen. Zwischenbosse bescheren zwar auch mal mehr Blutpunkte, doch sind diese eine Seltenheit und ohnehin, die leckeresten Tropfen haben nach wie vor nur die Menschen.

Ganz recht, um bequem und richtig effektiv Aufleveln zu können sollte Jonathan seine Mitmenschen um sich herum regelmäßig Aussagen bzw. Töten. Fast jeder NPC mit dem ihr euch unterhaltet kann auch tatsächlich vernascht werden. Die Tragweite davon ist jedoch immens. Selbst Story relevante Charaktere kann unser Blutsauger über den Jordan schicken, mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Einen Plotstopper kann es dabei Gott sei dank nicht geben. Für jede Person die Jonathan eventuell aussaugen möchte, braucht er zuerst genügend Macht und Einfluss. Um also überhaupt an den kostbaren Lebenssaft zu kommen müsst ihr erstmal mit den Personen sprechen, mehrere Gefallen erledigen oder einen Personenauftrag annehmen, was eigentlich nur Nebenquests sind. Tut ihr all dies erhöht sich der Einfluss über diese Person und ihr könnt sie Mesmerieren. In bestimmten Fällen könnt ihr Personen sogar verwandeln oder deren Erinnerungen löschen.

Doch es geht auch gänzlich anders. Ihr seit schließlich Doktor, ein Mann der Wissenschaft und Medizin. Wie eingangs bereits erwähnt kursiert die spanische Grippe in London und jeder der drei Bezirke in denen wir uns Aufhalten ist unterschiedlich stark infiziert. Jonathan kann genau so gut seinem hippokratischen Eid nachgehen und den Menschen mit selbstgebrauter Medizin helfen. Auch solch kleine Wehwechen wie Müdigkeit oder eine Erkältung lassen sich wunderbar behandeln. Dafür bekommt Jonathan zwar keine Blutpunkte, doch es erhöht sich der gesamte Gesundheitszustand des Bezirks und Jonathan erlangt mehr Einfluss über eine Person. Außerdem verbessert sich die Blutqualität wenn eine Person gesund ist. Solltet ihr also doch auf die Idee kommen einen NPC anzuknabbern, bekommt Jonathan dank des gesunden Blutes mehr Blutpunkte. Tut ihr dies allerdings zu oft, verschlechtert sich der Zustand eines Gebiets. Auf die Spitze getrieben kann sogar ein ganzer Bezirk fallen. Die Folgen sind dann zwar ungünstig aber zu verkraften. Es erscheinen lediglich mehr Gegner. Viel schlimmer ist jedoch das auch NPC's unter diesen Umständen verschwinden können. Die Story geht zwar unermüdlich weiter, allerdings könnt ihr mit einigen Charakteren ab diesem Zeitpunkt gar nicht mehr sprechen und die teils nett geschriebenen Nebenquests fallen ebenso weg. Deshalb haushalten mit dem Menschlein Schlürfen.

Du lebst, du stirbst

Wenn also genug Macht über eine Person besteht und diese auch gesund ist, kann endlich kräftig aufgelevelt und gemetzelt werden was das Zeug hält, richtig? Meh! Eher nicht, zumindest die meisten die Vampyr spielen werden chronisch unterlevelt sein weil man unabhängig der Infektion doch anfängt zu überlegen. „Soll ich wirklich die Krankenschwester mit 3000 Blutpunkten leer Trinken? Zwar klaut sie Medikamente aus dem Krankenhaus, aber dafür bekommen arme Leute eine medizinische Behandlung, nur wegen ihr.“ Solche und ähnliche Moralfragen gibt es in Vampyr ständig. Zudem agieren die Charaktere nie allein, fast jede Person hat Familie, Freunde und handelt in einem Kontext. Egal was ihr also tut oder nicht tut, jede Handlung bewirkt etwas in der Stadt. Dadurch das ihr zum Aufleveln immer in einem der vielen Unterslüpfe Schlafen gehen müsst, werdet ihr euren Konsequenzen erst bewusst wenn der nächste Tag bzw. die Nacht anfängt. Jeder Level Up will also gut überlegt sein. Hierbei kreuzt Vampyr geschickt die Spielmechanik mit der Story, was außerordentlich gut gelingt und zeigt, dass sich spielerischer Anspruch und Story nicht ausschließen müssen.

London bei Nacht und Nebel

Reden wir noch ein bisschen über London selbst und wie gut die Kulisse von Dontnod umgesetzt wurde. Zunächst muss man sich im klaren sein das Vampyr ein Spiel mit kleineren Budget ist. Der Titel ist weder indie noch eine Triple-A Produktion, man kann es gut und gerne als Double-A bezeichnen.

Groß fällt London in Vampyr nicht aus. Lediglich in einem größeren Stadtteil bewegt sich Jonathan, der wiederum in drei Bezirke unterteilt ist. Es gibt deshalb wohl auch keine Schnellreise im Spiel, obwohl die Latscherei auf Dauer schon auch genervt hat. Grundsätzlich sieht das Spiel recht ordentlich aus, besonders die Beleuchtung kann in manchen Umgebungen sehr überzeugen. Auch die im dunkel gehüllte Stadt mit aufsteigenden Nebelschwaden, Details wie Müll am Straßenrand, schauderhafte Hinterhofgassen und schön modellierte Innenräume wissen zu überzeugen. Leider können die Texturen da nicht ganz mithalten. Es ist zwar kein Totalausfall, aber das haben andere Spiele mit ähnlichen Budget schon besser hinbekommen.



Auch in Sachen Animationen spielt Dontnod nicht bei den Großen mit. Die Inszenierung ist zwar stimmig und es werden auch Techniken wie Motion Capturing verwendet, doch kommen diese zu selten zum Einsatz. Meist verlaufen die Gespräche von Angesicht zu Angesicht, nicht mal ein Gegenschnitt wird gemacht, ihr könnt auch die Kamera in Dialogen nicht frei bewegen. Gerade weil auch die Gesichter schwach animiert sind, wirken die spannenden Gespräche einfach viel zu statisch. Es gibt natürlich optische Höhepunkte, doch diese sind leider für solch ein Spiel zu rar gesät.

Dafür kann der Sound einiges mehr. Gut, die Musik mag etwas generisch ausgefallen sein, allerdings sind die Synchronsprecher richtig bei der Sache. Besonders Jonathan ist gut vertont. Eventuell etwas zu überschwänglich und theatralisch in manchen Situationen, aber es passt einfach in diese von Dramen überladenen Geschichte.

Offizielle Bildergalerie (Quelle: Website)


Fazit:
Ganz ehrlich, Vampyr ist meine persönliche Überraschung für 2018. Es ist fast eine Kunst ein Spiel mit doch so einigen Macken richtig gut erscheinen zu lassen. Sicher, technisch ist Vampyr nicht gerade auf höchsten Niveau und auch die Kämpfe, welche mitunter den spielerischen Kern bilden, hätten noch etwas mehr Feinschliff vertragen. Aber es ist die Story und die wirklich gut geschriebenen Charaktere, die das Vampir-Abenteuer so interessant machen. Besonders die Verknüpfung der Spiemechanik, gepaart mit moralischen Entscheidungen sowie den Konsequenzen haben es mir angetan.

Bleibt jetzt nur zu hoffen dass der Titel für Dontnod ein Erfolg wird. Mit höheren Budget für bessere Technik und mehr Balance im Gameplay, könnte eine Fortsetzung so richtig Reinbeißen. Ich jedenfalls bin durstiger denn je.





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Johannes Keuschnig


gedruckt am 16.07.2018 - 11:03
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